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Soft Logics
Überlegungen zu Zwischenräumen und einer Praxis der Offenheit und Inklusion «modes of thought that are open and inclusive»

6. Februar 2004 - 4. April 2004

Archiv Kontext/Kunst/Vermittlung (Berlin), B+B Archiv (London) – Sofie Hope & Sarah Carrington, Künstlerhaus Archiv

Das Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekt “Soft Logics”, das anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Künstlerhauses Stuttgart konzipiert wurde, setzt einen Rahmen, der Konzepte aus der Gründungszeit des Künstlerhauses aktualisiert und nach einer kulturellen Praxis fragt, die inklusiv und offen agiert.

Als Gründungsidee diente dem Künstlerhaus der Begriff der Interdisziplinarität, der seit den siebziger Jahren sehr häufig benutzt wird. Interdisziplinäres Arbeiten ist verknüpft mit der Erkenntnis, dass disziplinäre Grenzen auf Definitionsmacht begründet und damit verschiebbar sind.  “Soft Logics” führt ein Stück weiter als Interdisziplinarität und fordert eine radikalere Offenheit. Während Interdisziplinarität eine gemeinsame Forschungsfrage voraussetzt, zu der verschiedene Disziplinen gemeinsam arbeiten, ermöglichen die „weichen Logiken“ einen offeneren Rahmen. Auch Beiträge, die quer laufen, sich rhizomatisch verhalten und sich nicht direkt der Forschungsfrage subsumieren lassen, können bereichernd sein.

„Interdisciplinary is increasingly regarded as essential critical practice, for a discipline that builds walls around itself (…) is likely to stagnate. Here the Philosopher Michel Serres offers a pertinent image: I believe that there is box-thought, the thought we call rigorous, like rigid, inflexible boxes, and sack-thought, like systems of fabric. Our philosophy lacks a good organum of fabrics.‘ (Michel Serres: Rome. The Book of Foundations. Stanford 1991) (…) Serres also argues for ‚soft logics‘ – modes of thought that are open and inclusive.“ (Barnett, Penina; Jeffries, Janis; Ross, Doran: Letters of the editors. In: Textile. The Journal of Cloth and Culture. Vol. I, Issue 1, London, Spring 2003)

Der von dem französischen Philosophen Michel Serres geprägte Begriff “Soft Logics” taucht in letzter Zeit vermehrt in kultur- und textiltheoretischen Kontexten auf. Michel Serres entwirft damit ein Modell des Denkens, das offen und einschließend angelegt ist und damit im Gegensatz zu „harten Logiken“ steht, die harte Abgrenzungen und Kategorien vornehmen. Um bildlich den Unterschied deutlich zu machen benutzt er die textile Metapher des “Sacks”, den er der “Schachtel”gegenüber stellt. Der Sack ist verglichen mit der Schachtel nichts Ungenaues. Er schlägt nur eine andere Form der Präzision vor. In den Falten des Sacks versteckt sich Unvorhergesehenes, in ihrer Unübersichtlichkeit ist weniger Kontrolle möglich als mit der Schachtel. Daraus kann Überraschendes entstehen, und anfängliche Fragen und Interessen können sich verschieben.

Auf das Kunstfeld bezogen stellen „weichen Logiken“ Verbindungen her, die Begehrensstrukturen und Hierarchien, Ein- und Ausschlüsse infrage stellen und klare Trennungen zwischen etablierten und nicht etablierten (dem Feld zugehörigen/nicht zugehörigen) Strukturen (Produktionen, Diskursen, Subjekten) aufheben. “Soft Logics” enthält das Potential, gegen die Schärfe der Abgrenzungen offensiv vorzugehen. Die sich dadurch entwickelnden Energien machen Projekte möglich, die Dichotomien ignorieren (Dichotomien wie z.B. Kunst versus Bildung, versus Kunsthandwerk, Sozialarbeit, Kulturarbeit oder frei versus angewandt, lokal versus international). So versucht  “Soft Logics” ein organisches Zusammenspiel verschiedener Denk-, Aktions- und Kommunikationsmodelle zu entwerfen, in dem komplexe Ideen gedeihen und Konturen angenommen werden können.

“Soft Logics” verflechtet mehrere Aspekte miteinander: Im Ausstellungsteil und der Eröffnungsveranstaltung, sowie in den Filmprogrammen werden Fragen zum Umgang mit Geschichte gestellt. Wie manifestiert sich Geschichte, wie wird sie erzählt und weitergegeben? Dem Archiv als Zwischenraum von Erinnern und Vergessen widmet sich die Veranstaltung “Geführte Labyrinthe”. Unterschiedliche archivarische Praktiken werden vorgestellt und diskutiert. Die Filmprogramme “Archive & Positionen” untersuchen Aspekte der erzählten Geschichte, der Oral History.

Bei dem Roundtable “Selbstgemachte Mikroutopien” mit VertreterInnen der Stuttgarter Kulturszene beschäftigen wir uns mit der Frage nach der aktuellen Bedeutung von Selbstorganisation und eines möglichen Dagegens oder Dabeis.

Um Identitätspolitiken geht es in der Veranstaltung “Style Politics” mit VertreterInnen aus Mode, Musik und Kulturtheorie.

Der Abschluss der Veranstaltungsreihe bildet ein Workshop für KünstlerInnen, KunstvermittlerInnen und weiteren Interessierten,. Dabei geht es um die Frage, wie Kunst und Bildungsarbeit zusammenfliessen können.

“Soft Logics” präsentiert drei Archive, die sich mit unterschiedlichen Ansätzen künstlerisch-kultureller Praxis beschäftigen. Die Bearbeitung des Archivs des Künstlerhauses ist als fortlaufender Prozess im Ausstellungsraum sichtbar. Durch wöchentlich stattfindende Interventionen („Das Archiv verrichten – Performing the Archiv“) wird das Archiv zugänglich gemacht, weitergeführt und ergänzt.

Das B+B Archiv ist eine mobile Sammlung von Dokumenten partizipatorischer und sozial engagierter Praktiken. Es wird seit drei Jahren von dem Kuratorinnenteam B+B, Sophie Hope und Sarah Carrington zusammengetragen und vereint internationale Projekte der letzten zehn Jahre. B+B werden über ihre Praxis sprechen und vor Ort fortführen.

Das Archiv Kontext/Kunst/Vermittlung beinhaltet Projekte, die sich in einem Zwischenraum von Kunst und Kunstvermittlung ansiedeln. Dieses Archiv, das im Institut für Kunst im Kontext der Universität der Künste Berlin untergebracht ist, wird anlässlich der Ausstellung im Künstlerhaus aktualisiert und um neue Positionen ergänzt.

Ausstellungsansicht

Ausstellungsansicht

Sofie Hope im Gespräch

Sofie Hope im Gespräch