Beatrice Gibson: The Tiger’s Mind
Ausstellung und Veranstaltungen

6. November 2010 - 31. Dezember 2010

In Zusammenarbeit mit Jesse Ash, Celine Condorelli, Will Holder, Christoph Keller, John Tilbury, Alex Waterman

Die Ausstellung “The Tiger’s Mind” von Beatrice Gibson basiert auf einer neuen Publikation der britischen Künstlerin, die in Zusammenarbeit mit dem Herausgeber und Typographen Will Holder entsteht. Die Ausstellung ist ihre erste Einzelpräsentation außerhalb Englands.

Beatrice Gibsons Filmarbeiten beschäftigen sich mit der Stimme und ihrer Aufzeichnung, sie untersuchen die Äußerungen, die Menschen und Orte formen. Dabei greift die Künstlerin auf grafische Notationsverfahren, etwa aus der experimentellen Musik oder von Drehbüchern, und das Gespräch als ein Strukturprinzip zurück. Die Produktion der Filme ist häufig als offener Prozess angelegt, der in unterschiedlichem Maße an kollektive Zusammenhänge übergeben wird. Indem verschiedene Personengruppen zusammen gebracht werden, und durch eine mehrere Übersetzungsschritte durchlaufende Produktion von gesprochenem Text, werden die Akteure in Gibsons Filmen und ihre Stimme genauestens aufgezeichnet und in einen neuen Zusammenhang gebracht, beschrieben, bezeichnet und wiederaufgeführt. Das Fiktionale spielt in den Filmen, die mit einer stark ästhetisierten Bildsprache operieren, eine wichtige Rolle, sowohl auf der Ebene der formalen Konstruktion wie in der Rezeption: als sozialer Antriebskraft, Bearbeitungsprinzip, selbstreflexive Anordnung oder als Mittel, eine Verschiebung in der Bedeutung und ihrer Wahrnehmung zu erzeugen.

Neben drei Filmarbeiten ist eine neue Arbeit zu sehen, die eigens für das Künstlerhaus Stuttgart produziert wird. Als erstes Kapitel der Publikation “The Tiger’s Mind”, die im Laufe der nächsten Monate in einem fortlaufenden Prozess entsteht sind sechs KünstlerInnen und AutorInnen (John Tilbury, Alex Waterman, Celine Condorelli, Jesse Ash, Christoph Keller und Axel Wieder) eingeladen, während der Ausstellung ein öffentliches Gespräch zu führen, das Cornelius Cardews gleichnamige Partitur von 1967 interpretiert. Die Partitur wird als Organisationsprinzip für Stimmen genutzt, deren Diskussion um die Beziehung zwischen Künstler und Publikum, die Bedeutung von Interpretation, und die Fähigkeit von Text und Bild für das Nachdenken und die Teilhabe kreist. Aus dem Material, das im Laufe des Arbeitsprozesses entsteht, wird die Publikation produziert, die gleichzeitig die Diskussion dokumentiert und das kritische Potential von experimenteller Verschriftlichung untersucht.

Das Vorwort für “The Tiger’s Mind” mit einem Text von Beatrice Gibson, Will Holder and John Tilbury erscheint zur Ausstellung und ist im Künstlerhaus kostenlos erhältlich. Der zweite Teil erscheint im Dezember 2010.

Veranstaltungen:

Mittwoch, 24. November – Sonntag, 28. November: Öffentliche Diskussion
Sonntag, 28. November, 19 Uhr: Performance

“The Tiger’s Mind” von Beatrice Gibson ist ein Teil des Projektes “Scores”, das vom Künstlerhaus Stuttgart gemeinsam mit dem CAC Brétigny organisiert wird. Der erste Teil war “Noise & Capitalism” von Mattin (1 September – 30. Oktober 2010) in Brétigny.

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“Scores” findet im Rahmen von “Thermostat, Zusammenarbeit zwischen 24 centres d’art und Kunstvereinen” statt, einer Initiative von d.c.a. und dem Institut français in Deutschland.

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Mit freundlicher Unterstützung von

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Zu den Filmen:

A Necessary Music
HD-Video, 29 min., 2009

“A Necessary Music” ist ein gemeinsames Projekt von Beatrice Gibson und dem Komponisten Alex Waterman und zeigt eine Science Fiction-Erzählung über den modernistischen Sozialwohnungsbau. Der Film ist zusammen mit den Bewohnern von Roosevelt Island, einer schmalen Insel vor Manhattan, New York entstanden, auf der in den 1970er Jahren eine modellhafte verkehrsarme Siedlung auf dem Gelände eines ehemaligen Krankenhauses gebaut wurde. Bis 1989 diente eine Seilbahn (“The Tram”) als einzige Verbindung zur Stadt. Der Film untersucht die sozialen Vorstellungen dieser utopischen Landschaft, indem er den Stimmen derer folgt, die dort leben. Wie ein Musikstück aufgebaut und an die Videoopern von Robert Ashley angelehnt, dient das Medium des Films als musikalisches Thema wie auch als Rahmen für eine kollektive Produktion. Die BewohnerInnen von Roosevelt Island sind die Autoren und Schauspieler des Filmes, dessen Skript aus von ihnen verfassten Texten zusammengestellt wurde. Als Rahmenhandlung dient ein Ausschnitt aus dem Roman “Morels Erfindung” (1941) von Adolfo Bioy Casares. Der Film baut eine Spannung zwischen Realismus und Imagination auf. Was als ethnographische Studie zu beginnen scheint, wird stattdessen zu einer kollektiv erdichteten Fiktion, in der Möglichkeiten und Beziehungen ausgelotet werden und die Verfahren der Berichterstattung selbst zum Thema werden.

Erzähler: Robert Ashley
Finanziert von der Graham Foundation for Advanced Studies in the Fine Arts und dem Arts Council England.

The Future’s Getting Old Like The Rest Of Us
16mm Film auf HD-Video, 45 min., 2010

Der Film entstand mit einer 16mm-Kamera im Stile eines Fernsehfilms der 1970er Jahre und spielt in einem Seniorenheim. Teils Dokumentation, teils Fiktion, wurde das Drehbuch des Films von Beatrice Gibson zusammen mit dem Autoren und Kritiker George Clark verfasst und basiert auf Protokollen einer Diskussionsgruppe mit BewohnerInnen von vier Londoner Altenheimen, die sich über fünf Monate mit der Künstlerin trafen. Das Drehbuch ist als vertikale Struktur mit acht fortlaufenden Monologen angelegt, ähnlich einer musikalischen Partitur, und folgt dabei einem Modell, das vom britischen Autoren und Filmemacher B.S. Johnson und dessen Erzählung “House Mother Normal” (1971) entwickelt wurde. Zu den Schauspielern des Filmes gehören ehemalige Fernseh- und Filmakteure und Musiker.

The Future’s Getting Old Like The Rest of Us entstand im Auftrag der Serpentine Gallery, London und wurde vom Camden Council Homes for Older People, dem Arts Council England und FLAMIN Film London unterstützt.

‘If the Route:’ The Great Learning of London
DV-Video (Performance-Dokumentation), 48 min., 2007

“If the Route:” war eine Live-Performance mit und über “The Knowledge”, ein berühmt-berüchtigtes Navigations- und Gedächtnissystem für London, dass Londoner Taxifahrer beherrschen müssen um ihre Lizenz zu erhalten. Dieses komplexe und faszinierende Beispiel einer Alltagsmathematik umfasst 320 Basisrouten auf einem Radius von 6 Meilen rund um Charing Cross. Der Titel der Performance spielt mit dem Titel einer bekannten Komposition von Cornelius Cardew, “The Great Learning”, und verbindet diese mit “The Knowledge” und dessen eigenem Lernsystem sowie der Methodik, Struktur und nicht zuletzt der politischen Intention von Cadrews Partitur. Die Performance von “If the Route” wurde mit zehn Taxischülern aus dem “Knowledge Point” sowie vier Streichmusikern entwickelt.

In Zusammenarbeit mit Jamie McCarthy, mit Unterstützung des Arts Council England.

Beatrice Gibson und Alex Waterman: A Necessary Music, 2009 (Videostill)

Beatrice Gibson und Alex Waterman: A Necessary Music, 2009 (Videostill)

Beatrice Gibson und Alex Waterman: A Necessary Music, 2009 (Videostill)

Beatrice Gibson und Alex Waterman: A Necessary Music, 2009 (Videostill)