Mit dem Hochhaus leben & Tehran 1380
20. Mai 2003 - 21. Mai 2003
Solmaz Shahbazi, Tirdad Zolghadr
Organisiert von: Madeleine Bernstorff, Judith Hopf, Stephen Greene
Der Bogen des Filmprogramms spannte sich von “Tehran 1380″, der u.a. einen präzisen Blick auf die modernistische Teheraner Großsiedlung Ekbatan wirft, über das Kurzfilmprogramm “Mit dem Hochhaus leben”, in dem soziale und gesellschaftliche Implikationen modernistischer Architektur eher thematisiert wurden als gestalterische, bis zu einer Darstellung der Supergroßstadt Lagos. Die “anonymen Wohnsiedlungen” werden hier hautnahen, sehr direkten Beobachtungen – oft durch die BewohnerInnen selbst – ausgesetzt. Maßgeblich für die filmische Umsetzung und die daraus resultierende Unmittelbarkeit sind mobile Aufzeichnungsapparate: die handliche Kinamokamera von Ella Bergmann-Michel, genauso wie die DV-Kamera von Hrafnhildur Gunnarsdottir, und die Kamera, mit der sich Marc Isaacs im Hochhauslift eingenistet hat. Den Bogen schloss “Lagos/Koolhaas”, in dem der niederländische Radikalarchitekt und Superstrukturbeobachter Rem Koolhaas die 14-Millionen-Stadt Lagos als “Feldforscher” daraufhin begutachtet, was für zukünftige Städtekonzepte wichtig werden könnte.
“Wo wohnen alte Leute?”
Ella Bergmann-Michel:
Deutschland 1931 s/w 14‘ stumm
Die ehemalige Bauhausstudentin Ella Bergmann- Michel leitete seit 1927 die “Arbeitsgemeinschaft für den Neuen Film” in Frankfurt/Main. Mit dem Stadtbaurat Ernst May war dort eine Vielzahl von Bauten entstanden, die versuchten den sozialen und gestalterischen Erfordernissen der industriellen Kultur gerecht zu werden. Eines dieser Gebäude war das 1929 von Mart Stam und Ferdinand Kramer erbaute jüdische Altersheim. Ella Bergmann-Michel erwarb 1931 auf Rat von Joris Ivens eine der ersten mobilen 35-mm-Handkameras. Sie filmte das Altersheim mit einem grundlegenden Interesse sowohl an der Architektur als auch an den BewohnerInnen.
“From my window”
Józef Robakowski
Polen 1978 – 1999 20‘ s/w, deutschsprachiger Kommentar
Der alltägliche Blick aus dem Hochhausfenster – zwanzig Jahre lang – kommentiert Geschehnisse und Veränderungen auf einem Platz im sogenannten Manhattan von Lodz. Von weit oben beobachtet der Filmemacher Menschen im öffentlichen Raum, er beschreibt seine Nachbarn und deren Gewohnheiten mit freundlicher Ironie. Soziale, politische, architektonische und ideologische Veränderungen werden anhand der unterschiedlichen 1.Mai-Demonstrations- Konjunkturen, der beobachteten Karriere-Knicks von realsozialistischen Funktionären, Kinderspielen und eines Nachwende-Hotelbaus sichtbar.
“Who hangs the laundry? Washing, war and electricity in Beirut”
Hrafnhildur Gunnarsdottir, Tina Nacchache
Island 2001 Farbe 20‘ engl.OF
Ein DV-Gespräch mit der libanesischen Aktivistin Tina Naccache: “Leute, die keinen Krieg erlebt haben, denken, dass Krieg herrscht, wenn Bomben fallen und Menschen getötet werden. Das ist nicht Krieg, das ist nur der Anfang vom Krieg…”. Wie sieht der Alltag zehn Jahre nach dem Bürgerkrieg aus? Die Protagonistin führt durch ihre Wohnung in einem Hochhaus in Beirut, zeigt, wie sie wann mit welchen Wasserresten welche Wäsche wäscht. Sie zeigt uns die Schrapnell-Einschläge, wann welcher Generator zum Einsatz kommt und wie der Computer funktioniert, wenn er Stromschwankungen unterworfen ist. Sie erwähnt ihr Engament für illegalisierte Hausarbeiterinnen aus Asien, womit sie implizit globale und lokale Prozesse und ihre eigene soziale Position thematisiert.
“The lift”
Marc Isaacs
Großbritannien 2001 Farbe 24‘ engl. OF
Der Filmemacher richtet sich über einen längeren Zeitraum mit seiner Kamera im Lift eines Hochhauses im Londoner East End ein. Die BewohnerInnen, MigrantInnen und Flüchtlinge u.a. jüdischer, bangladesher und afro-karibischer Herkunft werden immer vertrauter mit der anwesenden Kamera und dem Filmemacher und es ergeben sich seltsame und erstaunliche Dialoge und Interaktionen.
“Lagos/Koolhaas”
Bregtje van der Haak
Niederlande 2002, beta, 55´
Megacitys überführen alte Stadtmodelle in die Bedeutungslosigkeit, am Leben gehalten höchstens noch durch Nord-West-Zentrismus. Der stellt die südlichen Städte am liebsten mit Bildern von brodelnden Massen zwischen Selbstbausiedlungen dar, auf die man möglichst von oben herunterblickt. “Lagos/Koolhaas” zeigt den niederländischen Radikalarchitekten und Superstrukturbeobachter Rem Koolhaas, wie er in der 14-Millionen-Stadt Lagos als “Feldforscher” das begutachtet, was für zukünftige Städtekonzepte wichtig werden könnte: eine wild wachsende Stadt, deren Bruttosozialprodukt zu über 50 Prozent durch informellen Handel generiert wird – die ganze Innenstadt ein Megamarkt. Im Film strömt Koolhaas mit seinen Begleitern durch Lagos, unterwegs im Go-Slow des Verkehrs, mit Fotoapparat und Zettelchen, bestürmt von Stauhändlern. Sie sprechen mit einem Jungen, der Wasser in Plastiktüten verkauft, mit lokalen Müllverwertern und einem Minibusfahrer und begleiten eine bekannte Talkshow-Gastgeberin. Alle versuchen zu erklären, welche Überlebenstechniken nötig sind, um mit dieser Superstadt umzugehen. Nicht umsonst heisst die Mega-Religionsgemeinschaft “Winner-Church”.
Stuttgarter Premiere des Dokumentarfilms von Solmaz Shahbazi (Architektin und Filmemacherin, Stuttgart) und Tirdad Zolghadr (Autor und Filmemacher, Zürich) in Anwesenheit der beiden FilmemacherInnen.
Die beiden FilmemacherInnen gestatten sich einen ironischen Blick auf Stadtstrukturen und Wohnformen in Teheran, ihre Perspektive entsteht in dem Zwischenraum zwischen Insider und Outsider und ist begeistert-detailgenau. Sie korrigieren vermittels kontroverser Auskünfte von StadtsoziologInnen, StadtplanerInnen, BewohnerInnen und eines Fotojournalisten vorherrschende nord-westliche Mega-City-Repräsentationen und aufgeladene Iran-Projektionen zugunsten der Darstellung eines Stadtumbaus “Iranian Style”. Neunzig Prozent der Stadt Teheran sind in den letzten fünfzig Jahren entstanden, seit 1980 hat sich die Bevölkerung von Teheran vervierfacht und zählt inzwischen über 12 Millionen Einwohner. Vor der Revolution 1979, zur Schahzeit wurde der Stadtteil Ekbatan gebaut, eine Hochhaussiedlung für 70 000 Einwohner, die als autarke Einheit funktioniert. Nach der Revolution besann man sich zurück auf traditionellere Werte und im Stadtteil Navvab wurden sukzessive alte verwinkelte Häuser, “verworrene Viertel” zugunsten einer “Postmoderne Iranian Style” abgerissen: eine Siedlung entstand, die sich wie ein Fassadenstreifen entlang der 10-spurigen Flughafenautobahn erstreckt.


