Come in, friends, the house is yours! Filmreihe

14. Mai 2009 - 28. Mai 2009

Kuratiert von Florian Wüst. In Kooperation mit der Kinemathek Karlsruhe.

Ausgehend vom Wiederaufbau Westdeutschlands nach 1945 reflektiert die Filmreihe “Come in, friends, the house is yours!” die Möglichkeiten und Grenzen demokratischen Lernens, Denkens und Handelns unter marktwirtschaftlichen Bedingungen. Das Künstlerhaus Stuttgart zeigt zwei modifizierte Programme der Reihe, die Florian Wüst für die Kinemathek Karlsruhe kuratiert hat. Moderner Städtebau, bürgerschaftliche Selbsthilfe sowie Schul- und Erwachsenenbildung stellen die inhaltlichen Schwerpunkte der Auswahl an überwiegend historischen Re-education-, Dokumentar- und Animationsfilmen dar.

14. Mai 2009, 19 Uhr
Kurzfilmprogramm: Selbst ist der Mensch
Mit einer Einführung von Florian Wüst

New Town
John Halas & Joy Batchelor, UK 1948, 8′

Nach 1945 wurden in England dutzende neue Siedlungen gebaut, um die Überbevölkerung der Innenstädte zu vermindern und Ersatz für die im Krieg beschädigten oder zerstörten Häuser und Wohnungen zu schaffen. Der von John Halas & Joy Batchelor produzierte Animationsfilm New Town folgt dem Durchschnittsbürger Charley. Dieser führt das ungesunde Leben und Arbeiten in den alten Industriemetropolen vor, dementgegen die funktionale Stadt eine glücklichere Zukunft bietet: offene Grünflächen, durchmischte Wohnsiedlungen und Stadtteilzentren bilden die planerischen Grundlagen moderner Lebensbedingungen.

Leihgeber: British Film Institute, London

Jedermann ein Fußgänger
Willi Prager, Produktion: Zeit im Film, BRD 1950, 13′

Das steigende Verkehrsaufkommen in den westdeutschen Städten wurde bereits Anfang der 1950er Jahre zu einem Problem, die Unfallkurve ging steil nach oben. Der Re-education-Film Jedermann ein Fußgänger zeigt, dass es nicht nur an der Polizei ist, sondern ebenso der Mitarbeit und des Verantwortungsbewusstseins der einzelnen Bürger bedarf, um der Lage Herr zu werden. Als Beispiel wird das Stuttgarter Verkehrsparlament angeführt, in dem Autofahrer und Fußgänger, Anwohner, Gewerbetreibende und Vertreter der Stadt zusammenkommen, “um gemeinsam die Probleme zu diskutieren, alle Meinungen zu hören und dann die beste Lösung zu finden.” So wird im Film die Anregung zu konkreten Massnahmen – Begradigung der Straßenführung, Anbringung von Spiegeln an unübersichtlichen Kurven, etc. – mit der Darstellung demokratischer Entscheidungsfindung in öffentlichen Belangen verbunden.

Leihgeber: Kinemathek Hamburg

Und was meinen Sie dazu?
Eva Kroll, Produktion: Zeit im Film, BRD 1950, 18′

Ein Lautsprecherwagen ruft in den Straßen Marburgs zu einer Diskussionsveranstaltung über die Gleichberechtigung der Frau auf. Es geht um Diskussion als neue Geisteshaltung – nicht vergleichbar etwa mit einem Marktstreit über die Qualität der angebotenen Fische. Denn auch für die Diskussion gibt es eine Anzahl von Spielregeln, deren Befolgung verhindert, dass das Gespräch ins Stocken gerät. Ziel einer Diskussion muss es sein, alle Seiten eines Problems zu beleuchten, so dass sich jeder einzelne eine Meinung bilden kann. Um die Technik des Diskutierens näher vorzustellen, begleitet Eva Krolls Film einen Lehrgang für Diskussionsleiter im Haus Schwalbach im Taunus. Im Gegensatz zum Führerprinzip der Nazi-Diktatur soll die Erinnerung an das Marburger Religionsgespräch 1529 das Diskutieren als Bestandteil auch der deutschen Geschichte belegen.

Leihgeber: Kinemathek Hamburg

Das Haus am Dornröschenweg
Hans F. Hermann, Produktion: Zeit im Film, BRD 1958, 21′

Das Haus am Dornröschenweg verknüpft die Themen Demokratieerziehung und Eigenheim. Paul Möller, die Hauptfigur des Films, streitet vor Gericht um die Baugenehmigung für sein mühevoll erworbenes Grundstück am Stadtrand Hamburgs, die ihm von der zuständigen Behörde ursprünglich verweigert wurde. Schließlich erhält er sein Recht und kann bauen. Durch ein in die Spielhandlung eingeflochtenes Gespräch mit einem Mann, der sich als Übersiedler aus der DDR zu erkennen gibt und an den Erfolg des Gerichtsverfahrens nicht glauben mag, wird der Intention des Films Nachdruck verliehen: Vertrauen in den Grundsatz zu schaffen, dass alle vor dem Gesetz gleich sind, dass jeder Bürger, der sich ungerecht behandelt fühlt, gegen den Staat klagen kann.

Leihgeber: Bundesarchiv – Filmarchiv, Berlin

Mit beiden Füßen auf der Erde
Loriot, Auftraggeber: DIE WAAGE, BRD 1959, 3′

Der von 1952 bis 1965 bestehende Verein DIE WAAGE. Gemeinschaft zur Förderung des sozialen Ausgleichs e.V. stellte einen informellen Kreis von Unternehmern dar, die sich mit Hilfe verschiedener Kampagnen für die Sicherung der Sozialen Markwirtschaft und die Aufrechterhaltung der bürgerlichen Mehrheit bei den Wahlen zum Deutschen Bundestag einsetzten. Der letzte Werbefilm der WAAGE, Mit beiden Füßen auf der Erde von 1959, stammt aus der Hand Loriots, Eugen Roth schrieb den von seinen Ein-Mensch-Gedichten abgeleiteten Kommentartext: “So ist der Mensch, wie man hier sieht, stets selber seines Glückes Schmied. Anstatt mit leerer Hand zu trollen, schöpft er nun plötzlich aus dem Vollen. Schafft, was er will, aus eigener Kraft in der Sozialen Marktwirtschaft.”

Leihgeber: Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln

Porträt einer Bewährung
Alexander Kluge, BRD 1964, 13′

Porträt einer Bewährung erzählt die Lebensgeschichte des im Jahre 1900 geborenen, ehemaligen Polizeihauptwachtmeisters Karl Müller-Segeberg, der sich nach eigener Aussage unter sechs Regierungen bewährt und mit seinem Einsatzwillen nie gespart hatte, bis sich bei einer Amtshandlung ein Schuss löste. Dass er daraufhin pensioniert wurde, kann Müller-Segeberg nicht verstehen. Alexander Kluges dokumentarisches Porträt ist eine nüchterne und gleichzeitig beklemmend authentische Darstellung einer zutiefst autoritätshörigen Persönlichkeit. Der Film wurde mit dem Hauptpreis der Westdeutschen Kurzfilmtage Oberhausen 1965 ausgezeichnet.

Leihgeber: Deutsche Kinemathek, Berlin

 
Donnerstag, 28. Mai 2009, 19 Uhr:
Kurzfilmprogramm: Jugend von morgen
Mit einer Einführung von Florian Wüst

Aus der Spielkiste
Gerhard Grindel, BRD 1955, 9′

Aus der Spielkiste zeigt die Eröffnung einer Spielkiste durch das Rote Kreuz Berlin. Das in öffentlichen Sammlungen zusammengetragene Spielzeug wird repariert und an Kinder entliehen, deren Eltern sich keine neuen Spielsachen leisten können. Die Verwaltung der sozialen Einrichtung übernehmen die Kinder selbst: neben der Förderung der Persönlichkeitsentfaltung – streng nach Geschlechterrollen getrennt spielen Mädchen mit Puppen und Jungen mit Autos – sollen sie lernen, Verantwortung zu tragen und mit Gemeinschaftseigentum pfleglich umzugehen.

Leihgeber: Bundesarchiv – Filmarchiv, Berlin

Aufsätze
Peter Nestler, BRD 1963, 10′

Über die dokumenarischen Bilder vom Schulalltag in den Schweizer Bergen legt Peter Nestler die Stimmen von Kindern, die von ihnen selbst verfasste Aufsätze rezitieren: sie erzählen von Schulweg und Unterricht oder beschreiben das Aussehen ihrer Lehrerin. Jeder Vortrag ist anders, jedes Kind müht sich auf seine Weise, die Balance zwischen schweizerdeutschem Dialekt und hochsprachlichen Wendungen zu halten. Unweigerlich trägt die Schule den Ernst des Lebens in die kindliche Welt hinein. “Sicher ist Nestlers Blick bestimmt von einer Idee des Reinen, Unschuldigen, Naturverbundenen – und seine ungeteilte Aufmerksamkeit steht dafür ein. Das Kind, das von der Pause und dem Milchverteilen vorliest, strengt sich besonders an, atmet besonders heftig, und dann reicht doch für das letzte Wort im Satz die Luft nicht mehr.” (Rainer Gansera)

Leihgeber: Deutsche Kinemathek, Berlin

Ferien vom Alltag
Johannes Lüdke, Produktion: Zeit im Film, BRD 1951, 15′

Auf die Frage eines introvertierten Bäckers “Was fange ich an?” (mit dem Nachmittag, dem Urlaub, dem Leben) antwortet Ferien vom Alltag in Form eines Volkhochschulheimaufenthaltes im bayerischen Voralpenland, der seinen Teilnehmern demokratische Gesinnung, internationale Verständigung und Sinn für Ästhetik vermitteln will. Das Lernziel der Protagonisten des Films gleicht dem der Zuschauer: die Herstellung einer sozialen Handlungsfähigkeit, die jedes Individuum unabhängig seiner persönlichen Vergangenheit erlernen und anwenden kann.

Leihgeber: Bundesarchiv – Filmarchiv, Berlin

Lehrerstützpunkt
Klemens Becker, Werner Nitzschke, Andreas Mücke, Lienhard Wawrzyn, BRD 1975, 26′

In den 1970er Jahren nehmen in West-Berlin nach und nach 15 Gesamtschulen ihren Betrieb auf, riesige Betongebäude, alle nach demselben Strickmuster gebaut. Darin sind die Klassenstufen 7-10 in so genannten Mittelstufenzentren zusammengefasst, je 1500 Schüler werden von je ca. 120 Lehrern unterrichtet. Die Ausfallquote der Lehrer durch Krankheit liegt an diesen Schulen mit 20 Prozent besonders hoch. Der an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) produzierte Film Lehrerstützpunkt zeigt einen Ausschnitt eines beliebigen Arbeitstages des Lehrers Canehl, der in einem solchen Mittelstufenzentrum unterrichtet: den Zeitraum vom Aufwachen bis zum Weg in die Schule. Während des Frühstücks ist Canehl von alptraumhaften Visionen geplagt und überlegt, ob er überhaupt in die Schule fahren soll, oder seinen Stützpunkt, die Wohnung, gar nicht erst verläßt.

Leihgeber: Deutsche Kinemathek, Berlin

Het Leesplankje (The Reading Lesson)
Johan van der Keuken, NL 1973, 10′

In holländischen Grundschulen lernen die Erstklässler das Lesen mit Hilfe der Kombination von Wörtern und Bildern. Die auf Kärtchen gedruckten Illustrationen werden in Johan van der Keukens Kurzfilm Het Leesplankje sukzessive durch Aufnahmen zeitgenössischer Ereignisse ersetzt. In verdichteter Weise präsentiert sich hier die politische Weltsicht des Filmemachers: “Within a very small space I attempted as far as possible to separate the sequential nature of the images and their meanings. By using short takes I was able to get as far as Salvador Allende’s speech and scenes of Pinochet assuming power in Chile. Then we return again to the beginning, but the whole memorising process is now destroyed.” (Johan van der Keuken)

Leihgeber: Idéale Audience International, Paris

Proper Education
Eric Prydz, SE 2006, 4′

Ende 2006 erschien Eric Prydzs Single Proper Education mit einem Sample von Pink Floyds Another Brick in the Wall (1979). Zum ersten Mal überhaupt hatten Pink Floyd einen offiziellen Remix ihres größten Hits genehmigt. Der schwedische House-DJ verwandelte den Klassiker in einen Hit neuen Gewands, ihm war es wichtig, mehr zu machen als nur einen Remix. So zeigt der zum Song produzierte Videoclip, dass allen voran Schüler und Jugendliche dazu beitragen können, den vom Klimawandel bedrohten Planeten und somit das weitere Überleben der Menschheit zu retten.

Copyright: Ministry of Sound

 
Mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln und USIA – Embassy of the United States of America.

Mit beiden Füssen auf der Erde, DIE WAAGE. Gemeinschaft zur Förderung des sozialen Ausgleichs e.V., BRD 1959. Courtesy of Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv, Köln

Mit beiden Füssen auf der Erde, DIE WAAGE. Gemeinschaft zur Förderung des sozialen Ausgleichs e.V., BRD 1959. Courtesy of Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv, Köln

[caption id="attachment_4620" align="alignnone" width="190" caption="Aufsätze, Peter Nestler, BRD 1963. Courtesy of Deutsche Kinemathek, Berlin"]Aufsätze, Peter Nestler, BRD 1963. Courtesy of Deutsche Kinemathek, Berlin[/caption]
Und was meinen Sie dazu?, Eva Kroll, BRD 1950. Courtesy of Kinemathek Hamburg

Und was meinen Sie dazu?, Eva Kroll, BRD 1950. Courtesy of Kinemathek Hamburg