Cornelius Cardew und die Freiheit des Hörens
Veranstaltungsprogramm

5. November 2009 - 21. November 2009

Eine Reihe von Konzerten und Performances bildet einen zentralen Teil des Projektes “Cornelius Cardew und die Freiheit des Hörens” und stellt neue und unterschiedliche Zugänge auf das Werk von Cornelius Cardew vor. Zu den Veranstaltungen zählen Konzerte mit ehemaligen Mitarbeitern von Cardew (wie Keith Rowe) als auch verschiedene Interpretationen seiner Hauptwerke durch die Staatsoper Stuttgart, den französischen Dirigenten Jean-Jacques Palix sowie den elektronischen Musiker Ekkehard Ehlers. Für eine weitere Aufführung nähern sich die französischen Choreographen Annie Vigier und Franck Apertet aus der Perspektive des Tanzes mit Cardews Kompositionen. Die letzte Aufführung der Reihe wird von Horace und Walter Cardew, den beiden Söhnen des Komponisten, gestaltet.

Veranstaltungsprogramm

5. November 2009, 15 Uhr: Michael Parsons, Walk
Ort: Hauptbahnhof Stuttgart, Haupthalle

5. November 2009, 19 Uhr: Keith Rowe, Konzert und Gespräch

7. November 2009, 19 Uhr: The Great Learning – Paragraph 7, Leitung: Jean-Jacques Palix
Ekkehard Ehlers, Innocence

20. November, 19 Uhr: The Great Learning – Paragraph 1, Leitung: Stefan Schreiber, mit dem Jugendchor der Jungen Oper der Staatsoper Stuttgart unter der Leitung von Thomas Schäfer

21. November, 17 Uhr: The Great Learning – Paragraph 5, Leitung: Annie Vigier, Franck Apertet, Lore Gablier
Horace and Walter Cardew: Konzert

Ort, wenn nicht anders angegeben: Künstlerhaus Stuttgart, 2 Stock
Eintritt: 5,00 EUR (ermäßigt: 3,00 EUR)

5. November 2009, 15 Uhr
Michael Parsons: Walk
Ort: Hauptbahnhof Stuttgart, Haupthalle

Michael Parsons “Walk” wurde ursprünglich 1969 für das Scratch Orchestra geschrieben und im Mai 1970 zum ersten Mal auf dem Vorplatz der Euston Station aufgeführt. “Walk” gilt als eine der bekanntesten Kompositionen des Orchesters, es ist eine verbale Partitur für eine beliebige Anzahl von Personen, die sich im öffentlichen Raum bewegen. Das Stück besteht aus einfachen Körperbewegungen und Pausen, deren Dauer und Geschwindigkeit von Zufallszahlen bestimmt und von den TeilnehmerInnen interpretiert wird.

Michael Parsons (geboren 1938) ist Komponist und Musiker und gilt als einer der Pioniere der experimentellen Musik in England. Er gründete 1969 gemeinsam mit Cornelius Cardew und Howard Skempton das Scratch Orchestra. Eine Zusammenstellung seiner Kompositionen für Klavier wurde vor kurzem von Mathieu Copeland veröffentlicht (Michael Parsons: Piano Music 1993-2007, Klavier: John Tilbury).

5. November 2009, 19 Uhr
Keith Rowe: Konzert und Gespräch

Keith Rowe, ehemals Mitglied des Scratch Orchestra und des einflussreichen Improvisationsensembles AMM, gibt eines seiner legendären Konzerte mit präparierter E-Gitarre. Rowe entwickelte zunächst vor allem mit AMM einen unkonventionellen Gebrauch der Gitarre, mit dem er für die Avantgardemusik neue Spielmöglichkeiten vorbereitete. Er legt zum Spielen die Gitarre auf einen Tisch und verwendet Materialien, um sie ähnlich wie ein Klavier zu präparieren. Im Anschluss an das Konzert spricht Rowe über die Geschichte des Scratch Orchestra und von AMM.

Keith Rowe (geboren 1940) ist ein britischer Gitarrist und bildender Künstler. Er ist einer der Begründer der elektroakustischen Improvisation. Mitte der 1960er Jahre gründete er zusammen mit Lou Gare und Eddie Prévost die Gruppe AMM, die Cornelius Cardew bei der Ausarbeitung seiner improvisationsorientierten Stücke wie “Treatise” und “The Tiger’s Mind” beeinflusste.

7. November 2009, 19 Uhr
The Great Learning – Paragraph 7, Leitung: Jean-Jacques Palix

“The Great Learning” besteht aus sieben einzelnen Werken oder “Paragraphen” und wurde zwischen 1968 und 1971 von Cornelius Cardew geschrieben. Die Komposition basiert auf den sieben einleitenden Absätzen des Ta Hio, des ersten der vier Bücher, die dem chinesischen Philosophen Konfuzius zugeschrieben werden. Cardew benutzte eine Übersetzung des Dichters Ezra Pound und begleitete oder unterbrach die gesprochenen und gesungenen Textabschnitte mit ausführlichen musikalischen Interventionen, die auf unterschiedlichste Weise notiert sind. Cardew verwandte klassische Notenschrift, andere grafische Darstellungsformen sowie Textbeschreibungen, die bis zur freien Improvisation reichen. Das ganze Werk dauert etwa sieben Stunden, die einzelnen Paragraphen haben eine Dauer zwischen 30 Minuten und zwei Stunden.

Der “Paragraph 7″ für eine beliebige Anzahl geübter oder nichtgeübter Stimmen ist der einzige Paragraph aus Cornelius Cardews “The Great Learning” ohne Instrumente. Die einfachen Textanweisungen benötigen keine musikalische Erfahrung und können praktisch von jeder Gruppe eingeübt werden. “Paragraph 7″ ist Cardews am weitesten gehender Versuch ein musikalisches Werk zu schaffen, das mit technischer Virtuosität und der damit einhergehenden hierarchischen Unterteilung zwischen Aufführenden und ZuhörerInnen in der traditionellen musikalischen Praxis bricht. Die Komposition ist deshalb so gestaltet, dass es keine formale Unterscheidung zwischen einer Aufführung von ausgebildeten SängerInnen und einer Gruppe “musikalischer Unschuldiger”, wie Cardew es nannte, gibt. Das Konzert wird von Jean-Jacques Palix gemeinsam mit einer Gruppe aus Stuttgart realisiert.

Jean-Jaques Palix ist Komponist und Dirigent und war in den 1980er Jahren Mitbegründer von Radio Nova, nachdem der vorher u.a. für “Radio France” tätig war. Er betreibt des Label “Song Active Production”.

Ekkehard Ehlers: Innocence

Der Musiker Ekkehard Ehlers arbeitet in unterschiedlichsten Zusammenhängen im Bereich der elektronischen Musik. Neben seinen Soloprojekten, u.a. für die Labels Force Inc. und Klang, veröffentlichte er gemeinsam mit Sebastian Meissner als Autopoesies und mit der Band März. Er verwendet Samples unterschiedlichster Herkunft, auch aus der Neuen Musik, in überraschenden neuen Zusammenhängen. Seit 2001 arbeitet Ehlers an einer Serie von musikalischen Rekonstruktionen, etwa von Cornelius Cardew und John Cassavetes, die auf dem Album “Plays” (2002) zusammengefasst wurden. Ausserderm arbeitete Ehlers mit den Choreographen William Forsythe und Christoph Winkler und produzierte Remixe und Livekonzerte für die Red Hot Chili Peppers. Für das Konzert in Stuttgart wird Ehlers erstmals die späten politischen Kompositionen von Cornelius Cardew aufgreifen.

20. November, 19 Uhr
The Great Learning – Paragraph 1, Leitung: Stefan Schreiber, mit dem Jugendchor der Jungen Oper der Staatsoper Stuttgart unter der Leitung von Thomas Schäfer

Fertiggestellt im April 1968, wurde der “Paragraph 1″ aus “The Great Learning” zum ersten Mal im Rahmen des Cheltenham Music Festival im Juli 1968 aufgeführt. Obwohl die Notation und die Anforderungen an die MusikerInnen außerhalb der musikalischen Konventionen liegen, wurde der “Paragraph 1″ nicht für Laien geschrieben – tatsächlich wurde das Scratch Orchestra erst später gegründet. “Paragraph 1″ beginnt mit einem Orgelsolo und gipfelt in einer Reihe von Pfeifensoli, die mit dem gesprochenen Chor aus Ezra Pounds Übersetzung des Konfuzius-Textes alternieren. Die unterschiedlichen, erfinderischen und eigenwilligen Verfahren, mit denen Cardew in “The Great Learning” die Schriftzeichen des Ta Hio in Noten übersetzt, kann man hier in den kunstvollen kalligraphischen Strichen und Schnörkeln beobachten, die Notenköpfe und Hälse der traditionellen Notenschrift in den Pfeifensoli ersetzen.

21. November, 17 Uhr
The Great Learning – Paragraph 5, Leitung: Annie Vigier, Franck Apertet, Lore Gablier

Der “Paragraph 5″ aus “The Great Learning ist für eine unbegrenzte Anzahl von TeilnehmerInnen, die nicht notwendigerweise musikalisch ausgebildet sind. Das Stück beginnt mit einem “Gebärdenspiel” aus einer Reihe von Gesten, die amerikanisch-indianischen Zeichensprachen des 19. Jahrhunderts entlehnt sind. Cardew entwickelte die Gesten als visuelle Übersetzungen der kalligraphischen Elemente, die den chinesischen Text des fünften Absatzes aus Konfuzius’ Ta Hio bilden. Der Pantomime folgen acht kurze, textlich notierte Kompositionen, denen jeweils eine gemeinsame Rezitation von Ezra Pounds Übersetzung des konfuzianischen Textes vorangeht. Gebärdenspiel und darauffolgende Kompositionen sind als sorgfältig einstudierte Übungen gedacht, die den eigentlichen Höhepunkt des Stückes vorbereiten: eine kollektive und freie Improvisation.

“Paragraph 5″ wird von der Tanzcompagnie “Les gens d’Uterpan” produziert, die von den Tänzern und Choreographen Annie Vigier und Franck Apertet in Paris gegründet wurde. Annie Vigier und Franck Apertet zählen zu den herausragenden Positionen in der zeitgenössischen Performancekunst in Frankreich und arbeiten seit einigen Jahren an der Grenze zwischen Tanz und bildender Kunst. Ihre Stücke behandeln den menschlichen Körper und dessen Repräsentation in der tänzerischen Arbeit. Vigier und Apertet schaffen einen konzeptuellen Zugang auf den zeitgenössischen Tanz, der eine neue Betrachtung der verschiedenen Methoden der Darstellung, Produktion und Interpretation von Tanz ermöglicht. Die Grenzenzwischen Tänzers sowie die Stellung des Betrachters in Frage stellt.

TänzerInnen: Sophie Demeyer, Déborah Lary, Clémentine Maubon, Stève Paulet, Luis Andres Corvalan Correa, Emilie Bonnaud, Santiago Reyes, Thibaud Croisy, Lore Gablier.

Les gens d’Uterpan (Annie Vigier und Franck Apertet), sind seit September 2008 “artists in residence” des CAC Brétigny und werden unterstützt vom Département de l’Essonne und dem CAC Bretigny, einer Einrichtung der Communauté du Val d’Orge. Weitere Unterstützung vom Büro für regionale Kulturarbeit Ile-de-France, dem Ministerium für Kultur und Kommunikation der Region Ile-de-France und dem Département de Paris.

Mit freundlicher Unterützung von Geigenbau Goes, Stuttgart.

Horace and Walter Cardew: Konzert
Horace Cardew studierte Saxophon und Klarinette an der Royal Academy of Music. Er arbeitet als Musiker in unterschiedlichen Zusammenhängen, u.a. mit Walter & Sabrina. Walter Cardew studierte an der Guildhall School of Music und am Goldsmiths College und arbeitet mit Walter & Sabrina seit den ersten Veröffentlichungen 1994. 2006 gründete er Danny Dark Records (www.dannydarkrecords.com) und veröffentlicht bislang unveröffentlichte Werke ihres Vaters Cornelius Cardew. Horace and Walter Cardew werden Kompositionen für Klarinette und elektrische Gitarre spielen sowie Interpretation einiger der “Ode Machines” aus dem “Paragraph 5″ von Cornelius Cardews “The Great Learning”. Die “Ode Machines” sind vokale Melodien die solo oder begleitet aufgeführt werden können.
“Cornelius Cardew und die Freiheit des Hörens” wurde in Kooperation mit dem CAC Brétigny produziert.

Die Veranstaltungsreihe ist eine Kooperation mit der Staatsoper Stuttgart und wird vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg unterstützt. Das Projekt von Annie Vigier, Franck Apertet und Lore Gablier wird vom Institut français Stuttgart, dem Institut français Berlin / Bureau de la création artistique – Théâtre et Danse und von Le Générateur unterstützt.

Keith Rowe. Courtesy of the artist

Keith Rowe. Courtesy of the artist

Ekkehard Ehlers. Courtesy of Staubgold

Ekkehard Ehlers. Courtesy of Staubgold

The Great Learning, Paragraph 5 (1970, Cornelius Cardew), CAC Brétigny, Leitung: Annie Vigier, Franck Apertet und Lore Gablier

The Great Learning, Paragraph 5 (1970, Cornelius Cardew), CAC Brétigny, Leitung: Annie Vigier, Franck Apertet und Lore Gablier

The Great Learning, Paragraph 5 (1970, Cornelius Cardew), CAC Brétigny, Leitung: Annie Vigier, Franck Apertet und Lore Gablier

The Great Learning, Paragraph 5 (1970, Cornelius Cardew), CAC Brétigny, Leitung: Annie Vigier, Franck Apertet und Lore Gablier